Unbrauchbar aber gepflegt

raumpflege im Kunstforum Seligenstadt (2010)

 

Hundertwassers Schlängelhäuser ohne Ecken und rechte Winkel wirken geradezu kantig gegen das Gebilde, in dem die Künstlerinnengruppe "raumpflege" ihre Ausstellung im hessischen Seligenstadt eröffnete. In dem aus dem 14. Jh. stammenden Fachwerkhaus ist aber auch gar nichts gerade - abgesehen vom horizontalen Pegel des Eröffnungs-Pro Seccos. Der Rest ist schief: Balken, Bögen, Stiegen, Wände – alles von sieben Jahrhunderten malerischst gekrümmt.

Umso weniger malerisch die Ausstellung. Keine der vier Raumpflegerinnen malt. Und das mit der "raumpflege" ist ein spaßiger Titel, der keine wirklich zutreffende Arbeitsplatzbeschreibung liefert. Wahr ist, dass sich die Arbeiten der vier Künstlerinnen mit Innenarchitektur in Verbindung bringen lassen. Dieses "in Verbindung bringen" geht so:

Speisezimmer, Installtionsansicht, 10, Foto CL

 

Sylvia Richter-Kundels "Umrissmöbel" aus Holz und Wellpappe stellen das materielle Äquivalent von dreidimensionalen Möbelzeichnungen dar, also von Entwürfen, die lediglich die Außenkonturen festlegen. Richter-Kundels aus Außenkanten ohne Füllung bestehende Tische, Stühle, Schränke und Konsolen sind somit angewandte Raumpflege, weil die Konturen den Raum dazwischen umreißen, ohne ihn zu verdrängen. Wir erkennen vertraute Gegenstände anhand ihrer Kanten und Ecken und erblicken somit funktionale Objekte mit der gleichen Überzeugung, wie wir die Luftgitarre zwischen den Händen des ektsatischen Klampfenmannes sehen. Oder des Kaisers Kleider – aber das ist eine andere Geschichte.

Doch Richter-Kundel liefert uns keine wahrnehmungspsychologischen Schlüsselreize, die wir gemäß unserer Sehgewohnheiten zu vertrauten Anblicken ergänzen. Ihre Umrisse verhalten sich zum von ihnen umschriebenen Körper wie Linienzeichnungen zu Malerei: Sie markieren die Grenzen, zwischen denen unsere Fantasie herumalbern darf - und darüber hinaus, denn ihre Schatten verleihen dem skelettierten Mobiliar eine zusätzliche Dimension.

Anjali Göbel "Direkttapete", 10, Foto CL

 

Vegetarisch

Eingedenk der gemeinsamen Mission, das lokale Kunstforum zu möblieren, hat auch Anjali Göbel ihre outdoors gesammelten Rohstoffe zu Haushaltswaren geformt: Ein Bettvorleger aus Pappelkätzchen, ein Stuhlpolster aus Lärchennadeln, Pantoffel aus Gras.

Zwar hat sie in der Vergangenheit immer mal wieder Gebrauchsgegenstände durch Kombination mit Samen und Kräutern auf visuell ansprechende Weise hoffnungslos de-instrumentalisiert, doch gewöhnlich plaziert Göbel die etwa durch Schneckenfraß und Pilzbefall geschaffenen Naturschönheiten weniger anwendungsbezogen. So mäandern auch hier Eukalyptusblätter an der Wand entlang, und Buchsbaumsamenkapseln spazieren über Wände, deren weiße Geräumigkeit einzig dazu dient, der rätselhaft zielstrebigen Prozession sämtliche Widerstände vom Leib zu halten.

Ulla Reiss "Wams" & "Kinderkleidchen", 10, Foto CL

 

Fashion Victims

Ulla Reiss' Objekte erinnern an Wams, Korsage und Handschuh, bis aus der Nähe betrachtet das Material der Form die Schau stielt und der anekdotische Aspekt "ich war eine Socke" hinter drahtigen Geflecht aus Kakusfaser zurück tritt. Wer will, kann Reiss' aus Binsen gefügten Wasauchimmers mit diesem oder jenem assoziieren, doch bald vergisst man die Pflegevereinbarung und kann sich gegenüber der zarten Gewinde der strapazierten Worthülse "poetisch" nicht länger erwehren. Titel wie Zimmerbrunnen  und Perücke Modell Piroschka  haben eher Untherhaltungswert und wenig mit den eigensinnigen Gespinsten zu tun. Eine Treppe hat Reiss mittels Grasfaser in eine verkehrsberuhigte Zone verwandelt und aus Quecke eine Gardine  gewebt.

Veronika Fass "Kartoffelteppich", 10, Foto CL

 

Keim frei!

Auch Veronika Fass, die seit Jahren das Farb-und Formpotenzial von Kresse und keimenden Kartoffeln dekorativ zur Geltung bringt, hat ihr Keimdesign in den Dienst der Innenarchitektur gestellt und mittels tiefbraunem Humus an leuchtend grüner Kresse und violettem Erdapfeltrieb einen orientalisch anmutenden Teppich geschaffen. Dass die visuell reizvollen Triebe aber auch weniger romantisch zur Geltung kommen können, beweist der mit gleichen Rohstoffen nachgepflanzte EAN-Code der Kressesamenpackung.

 

Aber das wär doch nicht nötig gewesen

Sämtliche Objekte lassen den durch den Namen der Gruppe bzw. der Ausstellung geschaffenen thematischen Rahmen nicht zwingend notwendig erscheinen. "raumpflege" wird dem Aktionsradius der vier Künstlerinnen nicht gerecht, steht aber für ein äußerst seltenes, und daher unbedingt pflegebedürftiges Phänomen: Übereinstimmend erklären die Raumpflegerinnen, dass sie ihren Zusammenschluss als bereichernde Zusammenarbeit erleben. Eine übereinstimmende Grundausrichtung trotz unterchiedlicher Heransgehensweise bringt das Phänomen hervor, das sich auf die bewährten Formel von der Einheit in der Vielfalt verkürzen lässt.

Ist die begriffliche Klammer somit auch zu eng für die eigentliche Bandbreite der Einzelnen, eignet sie sich doch hervorragend zur Verschlagwortung eines seltenen Falles von Wachstumsförderungsgebilde.

What's New, Kitchencat?

raumpfleges "Tellerrand" im Kunstverein Worms (2011)

Als wär’s nicht schon klischeehaft genug: Vier Künstlerinnen gestalten Innenräume. Was sonst? Gehört doch die Kultivierung des Wohnbereichs zum traditionell weiblichen Hoheitsgebiet. Aber schlimmer geht immer, und so widmen sie sich jetzt auch noch dem Raum, der die Enge des weiblichen Aktionsradius verdichtet: der Küche.

Zwar haben sich in den letzten Jahren Künstler wie Liam Gillick dieser Frauendomäne angenommen, und Zubereitung von Nahrung hat einen derartigen Stellenwert erhalten, dass diesbezügliche Spezialisten wie Ferràn Adría ins künstlerische Umfeld zwangseingemeindet wurden.1 Doch trotz dieser kulturellen Aufwertung scheinen Nahrungsmittel das angestammte Terrain einer Künstlerinnengruppe.

1Um den Gastronom, der nicht sich nicht persönlich an der der Documenta 12 (07) beteiligen wollte, dennoch zur Teilnahme zu bewegen, ließen die KuratorInnen ausgewählte Gäste in sein Restaurant in Spanien fliegen.



Meret Oppenheim "Das Frühlingsfest", 1959

Koch-Kunst

Küchenarbeit gehört zu den Sujets, deren kunsthistorische Beliebtheit sich über Jahrtausende hinweg nachzeichnen ließe. Doch ungeachtet ihrer langen Karriere als Bild-Sujet wurden Zubereitung und Verzehr von Speisen erst im 20. Jh. auch konkret zum Gegenstand der bildenden Kunst: Anfangs dank Meret Oppenheims ikonischen Werken wie Déjeuner en fourrure und Ma gouvernante – my nurse – mein Kindermädchen (beide 1936) oder ihrem Frühlingsfest (1959); in den 1960er Jahren dann durch Spoerris Eat Art und feministische Künstlerinnen Anfang der 70er – allen voran Martha Roslers Semiotics of the Kitchen (1974).

Kaum hatte die Debatte um bezahlte Hausarbeit wenn auch nicht zu bezahlter Hausarbeit, so doch zur Wahrnehmung reproduktiver und somit unsichtbarer Verrichtungen geführt, belehrte uns die Relationale Ästhetik der 1990er Jahre eines Besseren: Kochen ist also doch keine - übersehene und unterschätzte, aber immerhin produktive - Arbeit, sondern „performative Grenzerfahrung, die erfrischend unkonventionell und provokativ und subversiv die Grenzbereiche des Alltäglichen in Frage stellt und unterminiert und auslotet …“ – oder sowas in der Richtung.

Fazit: Küche ist nicht nur ein unverantwortlich geschlechtsspezifisches, sondern zudem kunsthistorisch ausgereiztes Thema.

Veronika Fass "Tischset" (Humus & Kressesamen), 11, Foto CL

Form Unfollows Function

Was also haben die Raumpflegerinnen ihm hinzuzufügen?

Die Erkenntnis, dass die Form keineswegs der Funktion folgen muss. Die komplett unfunktionale Sichtweise der Gruppe legt historische und ästhetische Aspekte unter zweckrationalen frei. Keine der bereits erwähnten Funktionen funktioniert, denn Nahrung wird weder konserviert noch zubereitet. Statt die den Pflanzen eigenen Wachstums- und Reifeprozesse im Interesse der Haltbarkeit abzubrechen, macht Veronika Fass sie zum Gegenstand ihrer zeitbasierten Installationen. Ihre wachsenden und vergehenden Bilder verdeutlichen den illusionären Charakter des Anspruchs auf Beständigkeit, den Kunst dennoch oder deswegen immer wieder beschwört. Ihre Arbeiten beginnen und enden, werden anschließend ab- und später wieder aufgebaut. Angesichts zunehmender Platzprobleme in öffentlichen und privaten Sammlungen scheint die Abkehr von den Materialschlachten zugunsten von Kunstformen, die sich rückbauen und recyclen lassen, zukunftsweisend.

Ulla Reiss "Schürze" (Gräser), 11, Foto CL

Wenn Fass in früheren Ausstellungen Kresse in der Form des EAN-Codes der Samenpackung pflanzte, veranschaulicht das ein zentrales Thema der Gruppe. Die Übersetzung des Strichcodes in lebendige Pflanzen verweist darauf, dass der Ursprung unserer Speisen stets in raffinierter Form vorliegt. Statt erjagter und gesammelter Lebensmittel nehmen wir Endprodukte von Verarbeitungsprozessen zu uns. Auch was wir anbauen, wurde auf einer frühen Stufe abgepackt und vertrieben. 

 

Weniger vom Verlust des Ursprünglichen als vielmehr von dessen Rückgewinnung handeln Ulla Reiss' Objekte, die sich als „Wirkungen“ bezeichnen lassen. Denn das Verfahren des Wirkens, des Verbindens von Fasern ist eine gemeinsame Eigenschaft dieser Artefakte, die von der Eigendynamik ihrer Bestandteile leben. Textilien liegen gewissermaßen in Rohform vor. Untragbar, aber repräsentativ für den Urzustand der Materialien, die wir lediglich als Endstufe an uns tragen.

Anjali Göbel "Typhasamen im Natternhemd gerollt", 11, Foto CL

Göbel ist die Surrealistin der Gruppe, die den Dingen ihre „konvulsivische Schönheit“ verleiht: Schön wie die Begegnung von Mungbohne und Weinlocke auf einem Kreidegrund. Und surrealistisch wie nicht besessene Sitzkissen und unbelegte Bettvorleger aus Nadelbaumnadeln. Dabei sind ihre nicht zum Verzehr geeigneten Ensembles keineswegs ungenießbar – man könnte sie in ihrer Anmut sogar als kulinarisch bezeichnen. Anders als Veronika Fass präsentiert Göbel keine Prozesse, sondern Entwicklungsstadien, in denen die Zeit stehen geblieben scheint. Aus ihren Materialien ist das zur Veränderung unverzichtbare Wasser geschwunden. Zurück bleiben bizarre Fossilien, die in ihrer Erstarrung den skulpturalen Aspekt von Pflanzen und Früchten offenbaren. Ebenfalls im Kontrast zu Fass' Gründen aus Erdreich hebt Göbel ihre Arrangements durch den zweidimensionalen White Cube des Kreidegrunds aus dem Umfeld heraus und macht so die ihre Objekte umgebende Zeitlosigkeit auch räumlich sichtbar.

Silvia Richter-Kundel "Regal" (Holz), 11; Ulla Reiss "Korb & Schälchen" (Gräser), 11, Foto CL

Eine weitere surrealistische Facette eröffnet Richter-Kundel, indem sie den Gebrauchs- durch ästhetischen Mehrwert ersetzt. Anstelle von Volumina erhalten wir rein lineare Information: Formen und Umrisse, Figuren auf Gründen – selten beides zusammen. Ihre Küchenvision ist mithin die des schaulustigen Kopffüßlers – eines Augenwesen, wie es die meisten von uns sind, und das seine Umwelt vorwiegend visuell erfasst. Dieses Erfassen vollzieht sich mittels des Erkennens von Differenzen – von Trennlinien, die signalisieren, wo eine Form endet und die nächste beginnt. Erst diese Unterscheidung von Figur und Grund lässt uns sinnvolle Einheiten – Gestalten - wahrnehmen. Und eben diese Bedeutung erzeugenden Nähte innerhalb einer andernfalls unbegreiflichen Masse von Reizen stellt Richter-Kundel grobstofflich und daher surrealistisch in den Raum.

Reiss "Öko Nische", 11, Foto CL

Mund-Art

Ungenießbar, untragbar, unbrauchbar, unbelegt und nicht zu besitzen: Die Künstlerinnen entheben den Arbeitsplatz von allen Verpflichtungen und stellen seine Eigenschaft als kulturelle Keimzelle heraus. Denn traditionell gilt die Küche als der wortgewaltigste Raum der Wohnung – ein Ort, wo mehr gesprochen wird als am zeitgenössischen Lagerfeuer namens Fernseher. Umgekehrt eignen die in der Küche beheimateten Themen als Metaphern für die entlegensten Bereiche, ist doch Essen eine Allen gemeinsame Erfahrung. Eingedenk der Menge der Wortwechsel, die in Küchen stattfinden sowie der Menge der Worte, die aus der Küche in andere Bereiche Eingang finden, kann der Küche eine sprachfördernde Wirkung bescheinigt werden.

 

Um also auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen, ob der etablierten Koch-Kunst etwas hinzuzufügen sei: Ja, eine künstlerisch produktive Sicht reproduktiver Arbeit.